Edgar Hilsenrath „Der Nazi und der Frisör“

"Itzig Finkelstein erblickte das Licht der Welt genau zwei Minuten und zweiundzwanzig Sekunden nachdem mich die Hebamme Gretchen Fettwanst mit einem kräftigen Ruck aus dem dunklen Schoß meiner Mutter befreite … wenn man mein Leben als Befreiung bezeichnen kann, was … schließlich und endlich … ziemlich fragwürdig wurde."

Max Schulz

Das doppelte Spiel eines Nazis

Darf man eine Satire über die Juden und den Holocaust schreiben? Edgar Hilsenrath, selbst ein Überlebender des Holocaust, macht es - und schreibt so schwarzhumorig, pointiert und grotesk, dass man seinen Roman nicht mehr aus der Hand legen kann. 

Hilsenrath erzählt vom arischen Max Schulz, der als Kind einen besten jüdischen Freund hat, der viel arischer aussieht als er selbst. Im Dritten Reich findet Schulz ein einträgliches Einkommen als Massenmörder an den Juden. Nicht aus persönlichen Gründen natürlich.  Immer auf der Sonnenseite des Lebens, gibt Schulz sich nach dem Krieg als sein getöteter ehemaliger Freund Itzig Finkelstein aus - und genießt in Folge nicht nur Straffreiheit, sondern legt zudem einen rasanten Aufstieg als jüdischer Schwarzhändler hin.

Inspiriert von einem wahren Fall, bei dem sich ein Nazi als Jude ausgegeben hatte, gelang Hilsenrath mit diesem Roman in den 70ern international der große Durchbruch. Deutschlands große Verlage gaben sich dabei über Jahre zurückhaltend - erst sieben Jahre nach der Veröffentlichung in den USA fand sich ein kleiner Verleger, der das Buch mit der humorigen Sprengkraft verlegte.

Denn mit Max Schulz kommt in einem Roman erstmals ein Täter zu Wort. Der Arier, ein gewissenloser und naiver Schelm voller Fabulierlust, erzählt uns selbst die ganze Chose.

Mit feinem Wortwitz und fulminanter Gestaltungskraft entwickelt Hilsenrath dabei absurde, groteske und lebenspralle Szenen, mit denen er die Abgründe der deutschen Nachkriegsgesellschaft aufdeckt.  

In seinem Schelmenroman bringt Hilsenrath den Massenmörder Schulz nicht nur in unangenehme, sondern in hochgradig peinliche und unerträgliche Situationen. Seine tragikomische Geschichte zeigt zum einen, dass das Überleben nicht so einfach ist. Wie die Leserin mit Befriedigung und Schadenfreude festgestellt hat, aber auch, dass der Bösewicht dabei zumindest auch sein Fett weg bekommt.