Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“

"Ich bringe andere dazu, das Falsche zu tun." 
Lila

Neapel, 60er Jahre: Zwei Freundinnen wachsen im Armenviertel der Stadt, dem Rione auf. Voller Bewunderung, aber auch voll Neid, eifert die Erzählerin ihrer hochbegabten, genialen Freundin Lila nach, wo sie nur kann. Doch weder Lilas Talente, noch ihr eigensinniges Wesen scheinen auszureichen, um den engen, von der Mafia durchsetzten Verhältnissen des Rione entkommen zu können.   

Sprachlich klar und einfach, ganz den Verhältnissen des Rione entsprechend, schließt die Autorin an die Bilder an, die den Stil und die Zeit des filmischen italienischen Neorealismus geprägt haben. Die Geschichte einer besonderen Freundschaft spannt sich dabei zwischen glaubwürdiger Sozialkritik und teils überbordender Sozialromantik auf.

Bis in den Schulunterricht hinein beeinflusst dabei die Mafia das Verhalten der Bewohner des Viertels, denn im schulischen Wettbewerb ist es aus Gründen des Überlebens gelegentlich angeraten, diplomatisch aufzutreten und die eigenen Fähigkeiten zu verbergen.

Die Erzählerin ist geradezu besessen von Bildung und der Anerkennung, die sie dank ihrer Leistung in der Schule, ganz im Gegensatz zu ihrem Elternhaus, erfährt. Aber nicht nur das. Sie schreibt der Bildung ein so enormes Befreiungspotential zu, dass es zum Spannungs- und Entscheidungsmoment der Lebensgeschichten der Freundinnen wird. 

Denn Lila wird die weiterführende Schule verboten. Sie soll im väterlichen Schusterladen helfen. Mit den Augen der Erzählerin sehen wir dem Kampf zu, den ihre geniale Freundin Lila, einer Überfliegerin in jeder Hinsicht, führt, um sich auf dem inoffiziellen Weg Bücher und Bildung zu besorgen. Doch obwohl ihre Freundin so viel schlechter dran ist, als sie selbst, wecken deren Disziplin und Talente ihren Neid und führen zu Konkurrenz. 

Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans 1992 für die Anonymität entschieden. Das Geheimnis ihrer Identität wurde inzwischen, von ihr ungewollt, gelüftet, und wird deshalb auch von mir hier nicht verraten. 

Ihre neapolitanische Saga erscheint in vier Bänden. Der erste, hier vorgestellte Band behandelt die Kindheit und Jugend der Freundinnen und erschien als 

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin, Suhrkamp 2016.